| Vom Feuer in
die Hölle
Nach endlich 6 mal ausreißen sagte ich den kaltherzigen Beamten im Jugendamt, dass, wenn sie mich wieder nach Hause schicken würden, ich stehlen oder sogar einen Mord begehen würde, um in's Gefängnis zu kommen, das mir wesentlich menschlicher vorkam als mein Elternhaus. Endlich wurde ich erhört und ich kam in das Mädchenheim "Elisabeth" in Augsburg. Ich glaubte der Hölle zu Hause entkommen zu sein. Ohne mir ein Wort zu sagen, oder meine Bedürfnisse zu beachten, veranlasste das Jugendamt eine Verlegung. 6 Monate später wurde ich wie ein Stück Vieh in's Mädchenheim Weiher in Hersbruck transportiert. Ich wusste aber nicht, dass ich in eine neue Abteilung der Hölle kam, in das "heilige Feuer der Hölle". Das Mädchenheim Weiher wurde von der Bruderschaft Altdorf betrieben, unter der Leitung von Bruder Buchta. Jetzt lernte ich den Rest einer unglaublichen Grausamkeit kennen, die nur von Menschen ausgeübt werden kann. Unterdrückung und Beschämung war die schwarze Pädagogik im Haus der immer Betenden, denen, die sich die "Sündenlosen", die "Guten" nannten. Ich lernte schnell den Unterschied, dass hier die Gewalt unter dem Deckmantel Jesus Christus ausgeübt wurde und ich dadurch noch wertloser war als zu Hause. Bestrafungen, wie mir erklärt wurde, sind für die Bildung eines besseren Charakters, damit man Gott würdig wird. Widerspruch gegen diese würdelose Behandlung wurde mit dem Tragen einer blaukarierten Bluse und Rock bestraft, die uns als "unverbesserlich" markierten. Unsere
eigene Kleidung war in eine große Kleiderkammer gesperrt und keines der
300 Mädchen im Heim hatte Zugang. Unterwäsche wurde von den Erzieherinnen
einmal pro Woche ausgehändigt. Eine Bluse musste 14 Tage getragen werden,
ein Rock vier Wochen. Das tägliche Waschen am Morgen und Abend mit kaltem Wasser wurde von den Erzieherinnen überwacht. Acht Mädchen standen nackt in einem kalten Waschraum mussten alle Teile des Körpers waschen. Von gierigen Blicken der Erzieherinnen wurde jede Bewegung mit dem Waschlappen überwacht und manchmal fuhr die Hand einer Erzieherin über den Rücken, mit der Bemerkung: "Du hast was vergessen." Duschen für 3 Minuten mit warmem Wasser war nur alle 14 Tage erlaubt und das auch wieder nur unter Bewachung. Haare durften nur alle 4 Wochen gewaschen werden. Alles war überwacht, alles war kontrolliert,
sogar wie oft man auf's WC ging, menschliche Bedürfnisse blieben unbeachtet.
Aber, es wurde immer gebetet, morgens, mittags und abends. Jeden Sonntag durften
die "Braven", die sich nicht schuldig machten, die den Hausgesetzen
folgten, in 4 kleine Gruppen aufgeteilt in die Kirche von Weiher nach Hersbruck
wanderten. Es sollte eine Belohnung sein die 2 Kilometer bei Hitze, Regen, Schnee
und Frost zu gehen. Das war der einzige Kontakt zu der Außenwelt, aber es
war uns verboten mit anderen Menschen in der Kirche oder auf dem Weg dorthin zu
sprechen. Das
Essen war mehr als miserabel und einseitig. Alles war Dampfkost, viel Kartoffeln
und ganz selten Fleisch. Das Frühstück war jeden Tag das Gleiche: eine
Scheibe altes Brot mit einer messerspitze Marmelade. Der Schimmel wurde weggeschnitten
und uns serviert, nicht aber den Erziehern. Natürlich hatten diese ein anderes
und viel besseres Essen. Als an einem Sonntag im Dessert Maden aus den Eiswaffeln
krabbelten, war das Ende meiner Grenze erreicht und ich riss aus. Ich wurde wieder
eingefangen und erhielt eine Tracht Prügel von der Heimleiterin Frau Klose.
Meine langen Harre wurden abgeschnitten und musste nun die übliche Strafkleidung:
blaukarierter Rock mit blaukarierter Bluse tragen. Aber das war nicht alles. Trotz allem bestand ich meine Gesellenprüfung
als Schneiderin und verließ das Mädchenheim Weiher als 19Jährige
nach drei Jahren. Ich war ein junges Mädchen, mental verstümmelt, die
nun in ein Leben geschickt wurde, um zu beweisen, dass sie ein wertvolles, funktionierendes
Mitglied der Gesellschaft ist. 42 Jahre lang hielt ich diesen endlosen und zerstörenden
inneren Schmerz der Wertlosigkeit in mir geheim, aus Scham und Schuldgefühl.
Ich wollte nicht, dass die Menschen mit dem Finger auf mich zeigten. Ich wusste
aber, dass ich kein Verständnis von der Gesellschaft in der ich lebte erwarten
konnte. Ich verstand auch damals noch nicht, dass es NICHT die Schuld des Kindes
ist, sondern derer die die Kinder erziehen. Als am 11. Dez. 1991 mein heutiger Mann mich um meine Hand bat, sagte ich nur: "Zuerst solltest du wissen, wer ich wirklich bin." Das war der Tag, an dem ich zum ersten mal über die Misshandlungen in meiner Kindheit sprach und ich mein Buch zu schreiben begann, das auf der Webseite www.boxbook.com in Englisch publiziert ist. Eine Dokumentation des Mädchenheimes Weiher zusammen mit den Folgeschäden von Kindheitsmisshandlungen wird in der Neuauflage meines Buchs erscheinen. Meine Hoffung ist, dass sich viele, die in Weiher und in anderen Kinderheimen waren melden. Kindesmisshandlung, egal wer diese
begeht, ist eine der unwürdigsten menschlichen Handlungen, eine Kriminalität
die nur mit Mord gleichzusetzen ist. Bis heute werden die internationalen Forschungsergebnisse,
die die Folgeschäden von körperlicher, seelischer und psychologischer
Gewalt beweisen, noch immer von Gesetzgebern und der Gesellschaft ignoriert. Die
Beantwortung des "Warum" ist ganz einfach: Es sind die Misshandelten
in einer Gesellschaft, die ein Land bilden, Gesetze machen, Gewalt verschweigen,
lehren oder sogar rechtfertigen und dadurch misshandeln. Noch immer herrscht die
schamlose Kontrolle über das Leben, Denken und Fühlen eines anderen
Menschen unter dem Vorwand "Ordnung muss sein." Ich kämpfe für die Anerkennung der Kindheitsmisshandelten seit 1994 in den USA ohne Erfolg. Auch meine Anfrage bei der deutschen Regierung, was für Erwachsene, die als Kinder misshandelt wurden getan wird, blieb unbeantwortet. Ich erhielt aber als Erklärung die neuen Kinderschutz-Gesetzte per Post, die nur noch mehr Verbote, anstatt Verständnis und Hilfsangebote enthalten. Ich fand in diesen Gesetzen keine Erkenntnis, dass es der Erwachsene ist, der als Kind misshandelt wurde und nun das Erbe seiner Kindheit an seine und andere Kinder weiter gibt. Wir, die Misshandelten,
dürfen nicht länger schweigen, um uns selbst den entzogenen menschlichen
Wert zurück zu geben, der uns als Kind genommen wurde. Zuerst aber müssen wir verstehen, dass es der Erwachsene
ist, der das Muster einer gewaltinfizierten Erziehung betreibt. Diese Kette kann
nur dadurch unterbrochen werden, wenn jene Erwachsenen ihren eigenen Kindheitsschmerz
fühlen und diesen heilen. Kommentar: |
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