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Sylvie's Erfahrung mit Psychologie
Ich habe seit dem 15. Lebensjahr schwere Depressionen und Selbstmordgedanken. Doch erst im Alter von zwanzig Jahren wurde mir klar, warum es mir so schlecht ging. In den Jahren davor hatte ich die schrecklichen Erlebnisse in meiner Kindheit völlig verdrängt, weil es niemanden gab, mit dem ich darüber sprechen konnte. Als ich zwanzig Jahre alt war, las ich die Bücher von Alice Miller und konnte nun den Zusammenhang zwischen meiner schlimmen Kindheit und meinen Depressionen erkennen. Gleichzeitig wurde mir auch klar, daß ich dringend Hilfe brauchte. Ich beschloß, eine Psychotherapie zu machen. Eigentlich sollte man annehmen, daß ein Mensch, der in seiner Kindheit so viel Schreckliches erlebt hat wie ich, in einer Therapie endlich über die Erlebnisse sprechen darf, an denen er fast erstickt und die ihn nahezu umbringen. Doch im Laufe der Jahre mußte ich immer wieder feststellen, daß diese Annahme ein großer Irrtum war. Als ich zwanzig Jahre alt war, hatte ich natürlich
keine Ahnung, wie ich einen guten Therapeuten finden konnte und welche
Methode für mich am besten geeignet war. Kurz darauf ging ich zu meinem Hausarzt und sagte ihm,
daß ich als Kind mißhandelt wurde, unter Depressionen leide
und deshalb eine Psychotherapie machen möchte. Er schickte mich
zu Frau Dr. B., die Ärztin und Psychotherapeutin war. Sie war eine
ältere, sehr religiöse Frau. Sie versuchte, mir zu erklären,
daß ich deshalb so schlecht behandelt worden war, weil meine Eltern
einen großen Fehler gemacht Nachdem Frau B. mich das "Produkt eines Irrtums"
genannt hatte, war ich noch mehr davon überzeugt, daß meine
Existenz nur ein Irrtum sei. Wahrscheinlich wollte Frau B. mir damit
sagen, daß ich unter ungünstigen Bedingungen auf die Welt
gekommen bin und es deshalb als Kind so schwer hatte. Dann las sie mir
ein Gebet vor, aus dem ich lernen sollte, daß man Dinge, die man
sowieso nicht mehr ändern kann, akzeptieren und sich damit abfinden
sollte. Mit anderen Worten: Ich sollte meine Kindheit vergessen. Als nächstes ging ich zu Herrn B., einem Psychologen, und erzählte ihm von meiner Kindheit und meinen Depressionen. Auch er sagte kein Wort dazu, daß ich mißhandelt worden war. Er reagierte vollkommen gleichgültig darauf. Herr B. erklärte mir, daß er Verhaltenstherapien durchführt und schilderte die Vorgehensweise. Ich weiß noch, daß ich hinterher dachte: "Genauso gut könnte ich Schauspielunterricht nehmen!" Es blieb also bei diesem Vorgespräch. Nach diesen drei schlechten Erfahrungen wollte ich eine Zeitlang gar nichts mehr von Psychotherapie wissen, obwohl es mir sehr schlecht ging. Als ich 23 Jahre alt war, spritzte mir mein Hausarzt einmal
pro Woche "Imap". Das ist ein Neuroleptikum, das normalerweise
bei Psychosen verordnet wird und sehr Als ich 24 Jahre alt war, konnte ich wegen Depressionen und psychosomatischer Beschwerden nicht mehr länger in der Fabrik arbeiten. Deshalb kam ich in eine psychosomatische Klinik. Dort war ich zwei Monate lang und sprach einmal pro Woche mit einem Psychologen. Herr G. sagte nicht viel dazu, daß ich als Kind mißhandelt worden war. Er schien es jedoch sehr schlimm zu finden, daß ich ohne Vater aufwachsen mußte. Herr G. glaubte, daß es mir deshalb so schlecht ging, weil ich keinen Freund hatte und daß der Grund dafür meine Angst vor Männern sei. Und diese Angst sollte ich angeblich deshalb haben, weil ich ohne Vater aufgewachsen war. Diese Erkenntnis nützte mir nicht sehr viel, denn schließlich konnte ich nichts daran ändern, daß ich keinen Vater hatte. Außerdem hatte ich nicht nur Angst vor Männern, sondern vor allen Menschen, denn mit meiner Mutter hatte ich ja auch nur schlechte Erfahrungen gemacht. Das Fehlen eines Vaters war mit Sicherheit nicht das einzige Problem, das ich als Kind hatte. Doch die schlechten Erfahrungen, die ich mit meiner Mutter gemacht hatte, schienen Herrn G. nicht zu interessieren. Der nächste Therapeut war Dr. O., ein Neurologe und
Psychiater. Dr. O. versuchte, mir positives Denken beizubringen. Er
las mir orientalische Märchen vor, die ich dann interpretieren
mußte. Er erzählte mir auch von Optimisten und Pessimisten
und von halbvollen und halbleeren Gläsern. Das interessierte mich
alles überhaupt Eigentlich wollte ich keine Psychoanalyse machen, denn die Bücher von Alice Miller hatten mich davon überzeugt, daß die Psychoanalyse keine gute Methode ist. Doch dann sagte mir eine Psychologie-Studentin, daß die Psychoanalytiker heute anders seien als früher. Deshalb vereinbarte ich einen Termin beim Sigmund-Freud-Institut. Nach einem Beratungsgespräch bekam ich eine Adressenliste. Die Psychoanalytiker auf dieser Liste hatten lange Wartezeiten. Ich ließ mich nicht auf eine Warteliste setzen, weil mehrere Ärzte mir davon abrieten. Sie sagten, eine Psychoanalyse sei eine jahrelange Quälerei und führe meistens zu nichts. Also ging ich zu einer Beratungsstelle der Frankfurter Uni-Klinik. Dort bekam ich nach drei Gesprächen eine Liste mit Adressen von Ärzten und Psychotherapeuten. Auch die Therapeuten auf dieser Liste hatten längere Wartezeiten. Auf dieser Liste stand auch Dr. L., ein Internist und Psychotherapeut. Er war der einzige, bei dem ich sofort eine Therapie anfangen konnte. Dr. L. hatte drei Kinder in meinem Alter. Er verhielt sich auch mir gegenüber wie ein Vater und versuchte, mich zu erziehen. In einer Stunde war er freundlich und lobte mich, indem er meine guten Eigenschaften aufzählte, und nur eine Woche später war er plötzlich ganz unfreundlich und machte mir die heftigsten Vorwürfe. Einmal bezeichnete er mich als "Schmarotzer", weil ich von Sozialhilfe lebte. Er sagte, er müsse für mich Steuern zahlen, weil ich zu faul sei, um zu arbeiten. Dr. L. machte mir oft den Vorwurf, daß ich ihm nicht
vertraute. Das war eigentlich kein Wunder, denn er erschien mir alles
andere als vertrauenswürdig. Es kam oft vor, daß er in einer
Stunde übertrieben freundlich war und in der nächsten Stunde
plötzlich unfreundlich und provozierend. Heute weiß ich,
daß er mich provozieren Damals war ich so sehr von einem anderen Arzt abhängig,
daß ich völlig verzweifelt war und Selbstmordgedanken hatte.
Ich hätte dringend Hilfe gebraucht, doch ich Auch in meiner Kindheit gab es keinen einzigen Menschen,
zu dem ich Vertrauen hatte und dem ich von meinen schlimmen Problemen
erzählen konnte. Ich wäre nie Dr. L. lud mich ein, am 24. Dezember mit ihm und seiner Familie Weihnachten zu feiern, denn er wußte, daß ich sonst ganz allein in meiner Wohnung wäre. Er hatte außer mir noch zwei ältere Patientinnen eingeladen, die Witwen waren und keine Verwandten hatten. Für mich war es sehr schlimm, dabei zusehen zu müssen, wie sehr Dr. L. und seine Frau sich darüber freuten, daß ihre drei erwachsenen Kinder an Weihnachten nach Hause kamen, denn ich hatte ja keine Eltern, die sich über meinen Besuch gefreut hätten. Die drei Kinder bekamen teure Geschenke, und sie wurden von ihren Eltern gelobt, weil sie eine Ausbildung machten bzw. studierten. Die zwei älteren Frauen waren sehr beeindruckt von den Leistungen der drei Kinder und fingen auch noch an, sie zu loben. Das war sehr schlimm für mich, denn meine Mutter hatte mich nie gelobt. Um 23 Uhr fuhr Dr. L. die zwei älteren Frauen und mich nach Hause. Als ich wieder in meiner Wohnung war, ging es mir sehr schlecht, und ich hatte Selbstmordgedanken. Ich finde, es ist eine unglaubliche Gedankenlosigkeit, einem einsamen Menschen ein paar Stunden lang ein glückliches Familienleben vorzuführen, wenn man genau weiß, daß er hinterher wieder zurück in seine leere Wohnung muß, die ihm dann noch leerer vorkommt. Einmal sagte Dr. L., er habe das Gefühl, ein trotziges Kind im Kinderwagen vor sich herzuschieben. Er erklärte mir, ich sei auf dem Entwicklungsstand eines dreijährigen Kindes stehengeblieben. "Sitzengeblieben!" fügte er hinzu und sah mich herausfordernd an. Er sagte, daß ich nun endlich erwachsen werden muß. Ich antwortete, daß ich das gern tun werde, wenn er mir den Knopf zeigt, auf den ich drücken muß, damit das geschieht. Dr. L. versuchte, mir einzureden, daß ich heiraten
und Kinder kriegen muß, denn das sei der Sinn des Lebens einer
Frau. Ich fragte ihn, wie ich denn heiraten und Kinder kriegen soll,
wenn ich doch auf dem Entwicklungsstand eines dreijährigen Kindes
stehengeblieben bin. Dann bat ich Dr. L., mir zu erklären, wie
ich es mit meinem Gewissen vereinbaren soll und wie ich es verantworten
kann, ein Kind in die Welt zu setzen, wenn ich das Leben und überhaupt
die ganze Welt als entsetzlich empfinde. Ich sagte, daß ich all
die Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, die es auf der Welt gibt, nicht
mehr ertragen kann und daß ich deshalb niemals ein Kind Nachdem Dr. L. mich eineinhalb Jahre mit seiner Therapie gequält hatte, statt mir zu helfen, erzählte ich einer Bekannten, die Psychologie studierte, von dieser Therapie. Sie war ganz entsetzt und gab mir den Rat, die Therapie sofort abzubrechen. Der nächste Therapeut war ein Neurologe und Psychiater.
Bei Dr. M. machte ich eineinhalb Jahre eine Verhaltenstherapie. Danach
war ich noch ein halbes Jahr bei Ich habe Dr. L. und Dr. M. von all diesen Zwängen
erzählt und auch davon, daß ich kein einziges Messer besaß
und mich deshalb sehr ungesund ernährte. Dr. L. und Dr. M. sahen
mich ganz entsetzt an und sagten, daß das schlimm sei, doch sie
unternahmen nichts, um mir zu helfen, diese Zwangsneurosen wieder loszuwerden.
Sie sagten lediglich, daß es schlimm sei und sonst nichts. Danach
haben sie nie wieder mit mir darüber gesprochen. Damals glaubte
ich, daß sie deshalb nicht mit mir darüber sprachen, weil
man sowieso nichts daran ändern kann. Heute glaube ich, daß
diese beiden Ärzte gar nicht wußten, wie man Zwangsneurosen
behandelt. Sie schienen auch nicht zu wissen, was man gegen Angstzustände
tun kann. Ich Als ich wieder einmal völlig verzweifelt war, sagte ich, daß ich am liebsten eine Mutter hätte, bei der ich auf dem Schoß sitzen darf und die mich im Arm hält und tröstet. Dr. M. erkannte nicht, was für ein unendlich großes Defizit an Geborgenheit, Schutz und Trost ich habe. Das konnte er auch gar nicht erkennen, denn genau wie Dr. O. und Dr. L. weigerte er sich, mit mir über die Kindheit zu sprechen. Alle drei Ärzte sagten mir sinngemäß das gleiche: Die Kindheit sei vorbei, und man könne sowieso nichts mehr rückgängig machen. Also sei es sinnlos, darüber zu sprechen. Dr. M. wollte mir bewußt machen, wie lächerlich mein Wunsch war, eine Mutter zu haben. Er gab mir folgende Hausaufgabe: Ich sollte etwas auf eine Kassette aufnehmen und es mir dann mehrmals anhören, bis ich begreife, wie lächerlich es ist. Dr. M. veränderte seine Stimme so, daß sie wie eine Kinderstimme klang und sprach mir vor, was ich zu Hause auf eine Kassette aufnehmen sollte: "Ich bin die kleine Sylvia! Ich will bei meiner Mama auf dem Schoß sitzen! Ich will meinen Schnuller haben! Ich will an der Brust trinken!" Daß ich einen Schnuller haben oder an der Brust trinken wollte, hatte ich nicht gesagt. Das hatte Dr. M. sich ausgedacht, um mir damit klarzumachen, wie lächerlich mein Wunsch war, eine Mutter zu haben, bei der ich auf dem Schoß sitzen durfte. Das wäre gar nicht notwendig gewesen, denn ich fand diesen Wunsch ja selbst lächerlich. Trotzdem verschwand diese unendlich große Sehnsucht nach einer Mutter nicht.
Der nächste Therapeut war ein Psychologe. Er sprach
mit mir über alles mögliche, aber nicht über meine Kindheit.
Deshalb brach ich die Therapie nach einem halben Ich sprach eine Stunde mit dem Oberarzt der Klinik. Ich
erzählte ihm, daß ich als Kind mißhandelt worden war
und deshalb seit dem 15. Lebensjahr unter schweren Nach diesem Gespräch war ich fix und fertig, und
alles erschien mir völlig hoffnungslos. Ich mußte in einem
kalten Hotelzimmer übernachten und fror die ganze Nacht. Ich war
sehr verzweifelt und hatte Selbstmordgedanken. Am nächsten Tag
fuhr ich wieder nach Hause und mußte noch einmal acht Stunden
im Zug sitzen. Ein paar Monate nach dem Vorgespräch in Prien empfahl
mir ein Psychoanalytiker, der keine Patienten mehr nehmen konnte, eine
Kollegin, die Ärztin und Psychoanalytikerin war. Ich vereinbarte
also ein Vorgespräch mit Frau L. Sie erklärte mir, daß
sie die Psychoanalyse nicht mehr anwendet, weil sie nichts mehr davon
hält. Sie sagte, daß sie nun mit einer Methode arbeitet,
die "Clearing" heißt. Sie erklärte mir ungefähr,
wie das funktioniert. Ich konnte mir nicht sehr viel darunter vorstellen,
aber ich war froh darüber, endlich eine Therapeutin gefunden zu
haben, die dazu bereit war, Danach folgte ein Klinikaufenthalt von dreieinhalb Monaten, der viel mehr schadete als nützte. Ich verließ die Klinik in einem schlimmen Zustand. In den folgenden Wochen ging es mir ganz miserabel, und ich suchte wieder verzweifelt nach einem guten Therapeuten. Drei Ärzte, die ich anrief, hatten eine Wartezeit von ein paar Monaten. Eine Ärztin und ein Arzt gaben mir einen Termin für ein Vorgespräch. Der Arzt sagte mir bei dem Vorgespräch, daß er nichts davon hielt, über die Kindheit zu sprechen. Das gleiche sagte mir auch die Ärztin, bei der ich ein paar Tage später ein Vorgespräch hatte. Ich wunderte mich darüber, daß Frau Z. nicht über die Kindheit sprechen wollte, denn meine Hausärztin hatte mir gesagt, daß sie tiefenpsychologisch arbeitete. Nachdem ich Frau Z. kurz von meiner Kindheit erzählt hatte, sagte sie, es sei ein Skandal, daß mir damals niemand geholfen habe, als ich ein Kind war. Sie sagte, die Nachbarn hätten meine Mutter anzeigen müssen, und dann wäre ich zu Pflegeeltern gekommen. Sie war der Meinung, daß man mir damals noch hätte helfen können, aber daß es jetzt zu spät sei. Frau Z. hielt meine Angst vor anderen Menschen und auch mein Mißtrauen für eine unveränderbare Tatsache. Sie sagte, daß ich nicht damit rechnen sollte, daß sich jetzt noch etwas an meinem seelischen Zustand ändern ließe. Man sollte vielmehr versuchen, diesen Zustand so erträglich wie möglich zu machen. Frau Z. glaubte, daß meine Krankheit leichter zu ertragen wäre, wenn ich arbeiten würde und eine sinnvolle Aufgabe hätte. Es war mir ein Rätsel, wie Frau Z. zu der Überzeugung
kam, daß man einen völlig unerträglichen Zustand durch
eine sinnvolle Beschäftigung erträglicher machen könnte.
Auf so eine Idee kann nur ein Mensch kommen, der noch nie in seinem
Leben wirklich einsam war. Ich habe sechs Jahre lang gearbeitet, und
während dieser Zeit habe ich mein Leben trotzdem als unerträglich
empfunden, weil ich so Glücklicherweise bin ich nach zehn Jahren Therapie-Erfahrung endlich dazu in der Lage, bereits in der ersten Stunde zu erkennen, ob ein Therapeut gut oder schlecht ist. Bei Frau Z. würde ich z.B. keine Therapie machen. Früher habe ich mich leider sehr davon beeinflussen lassen, wenn ein Arzt, der wesentlich älter war als ich, mir erklärte, warum er es nicht für sinnvoll hielt, über die Kindheit zu sprechen. Es ist eigentlich kein Wunder, daß ich immer wieder geglaubt habe, was die Ärzte mir einredeten, denn ich hatte es als Kind nie gelernt, meine Gefühle ernstzunehmen, meine Meinung zu vertreten und jemandem zu widersprechen. Zwei Wochen nach dem Gespräch mit Frau Z. hatte ich
einen Termin bei einer Psychoanalytikerin. In der ersten und zweiten
Stunde habe ich von meiner Kindheit und meinen bisherigen Therapie-Erfahrungen
erzählt. Seitdem sprach Frau S. immer wieder von meiner "langen
Beschwerdeliste", und es klang so, als wären meine Beschwerden
völlig aus der Luft gegriffen. Ich hatte das Gefühl, maßlos
zu übertreiben. Frau S. glaubte, daß meine Mutter nicht ständig
böse gewesen sein kann. Und sie war davon überzeugt, daß
nicht alle bisherigen Therapeuten schlecht gewesen sein können.
Ich hatte Frau S. in den ersten zwei Als Frau S. wieder einmal von meiner "langen Beschwerdeliste"
sprach und alles verharmlosen wollte, was ich ihr erzählt hatte,
sah ich sie nur an und sagte nichts. Ich habe nicht nur jahrelang ambulante Therapien gemacht, sondern war auch in vier psychosomatischen Kliniken und einmal in der Psychiatrie. All diese Therapien haben viel mehr geschadet als geholfen. Ich hatte nie das Gefühl, verstanden und ernstgenommen zu werden. Mein Anliegen, über meine Kindheit zu sprechen, wurde mir jedesmal bereits in der ersten Stunde ausgeredet. Mein Wunsch zu sterben und nicht mehr in einer Welt leben zu müssen, in der ich nicht verstanden werde, wurde von Jahr zu Jahr größer. Die Ärzte hielten es nicht für notwendig, mit
mir über meine Angstzustände, meine Zwangsneurosen oder meine
Eßstörungen zu sprechen. Vielleicht dachten sie, daß Die Tatsache, daß ich als Kind furchtbar gequält
worden bin, wurde von allen Ärzten einfach ignoriert. Daß
ich Depressionen habe, liegt angeblich nur daran, daß ich nicht
arbeite und nicht genug Kontakt mit anderen Menschen habe. Es geht mir
also nur deshalb so schlecht, weil ich mich falsch verhalte. Kein einziger
Arzt kam jemals Bevor ein Therapeut einen Patienten dazu auffordert, seine schützende Wohnung zu verlassen, um arbeiten zu gehen oder sich in der Freizeit mit anderen Menschen zu treffen, müßte er eigentlich zuerst dafür sorgen, daß der Patient dazu fähig ist, diesen Schritt zu tun. Dazu gehört ein stabiles Selbstwertgefühl und die Fähigkeit, sich zu wehren. Dazu gehört auch der Mut, nein zu sagen, weil man sonst ständig von anderen Menschen ausgenutzt wird. All diese Fähigkeiten habe ich niemals gehabt und bin deshalb immer wieder in große Schwierigkeiten geraten. Ich halte Kindesmißhandlung für ein schweres Verbrechen. Doch in den letzten zehn Jahren habe ich mich nicht wie das Opfer eines Verbrechens gefühlt, sondern eher wie eine Verbrecherin, die resozialisiert werden muß. Die Psychotherapie war für mich keine Hilfe, sondern eine Qual, denn ich habe mich genauso gefühlt wie als Kind: unverstanden und völlig alleingelassen mit meiner Verzweiflung. |
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